„So etwas wie ein Wunder“

Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard feiert ihren 80. Geburtstag

Christiane Nüsslein-Volhard

Christiane Nüsslein-Volhards Forschung setzte Meilensteine der Entwicklungsbiologie und prägte grundlegend das heutige Verständnis embryonaler Entwicklung. Für ihre Identifikation von Entwicklungsgenen der Fruchtfliege wurde sie als erste deutsche Frau mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet. Doch auch an Wirbeltieren als Modellorganismen, wie dem Zebrafisch, leistete die gebürtige Magdeburgerin Pionierarbeit. Heute, an ihrem 80. Geburtstag, kann Christiane Nüsslein-Volhard auf eine lebenslange Leidenschaft für die Biologie und eine anhaltende Verbundenheit mit ihrer Wahlheimat Tübingen zurückblicken.

„Wir wollten wissen, wie Leben funktioniert.“ In diese Worte fasst Christiane Nüsslein-Volhard, was sie zur Forschung antrieb, für die sie 1995 gemeinsam Eric Wieschaus und Edward Lewis mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurde.
Diese Begeisterung für alles, was lebt, hatte sie bereits früh gepackt: Als Kind sammelte und bestimmte sie Pflanzen, ließ Weinbergschnecken gegeneinander Wettrennen laufen und verschlang die Biologie-Bücher, mit denen ihre Eltern sie beschenkten. Wenn Christiane Nüsslein-Volhard an diese Zeit zurückdenkt, beschreibt sich gerne als aufmüpfige Schülerin: Oft eckte sie an, weil die sich nur dann einem Thema mit Einsatz widmete, wenn sie wirklich interessiert war. Und das Thema, das sie am meisten faszinieren konnte, war immer wieder die Biologie.
So kann wenig überraschen, dass sie sich nach dem Abitur den Naturwissenschaften, insbesondere den Lebenswissenschaften zuwandte. Kurz nachdem in Tübingen der deutschlandweit erste Studiengang Biochemie eingerichtet wurde, wechselte sie aus ihrer Heimat Frankfurt in die schwäbische Universitätsstadt, in der einst die DNA entdeckt worden war.

Grundstein des heutigen Verständnisses embryonaler Entwicklung

Etliche Jahre und Wegstationen später konnte Nüsslein-Volhard als Gruppenleiterin am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg endlich einer ihrer wichtigsten Frage auf den Grund gehen: wie Leben funktioniert, oder genauer: wie sich aus einer scheinbar strukturlosen Eizelle ein komplexer, vielgestaltiger Organismus entwickeln kann. „Das ist ja eigentlich doch so was wie ein Wunder“, resümiert sie. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Eric Wieschaus legte sie in dieser Zeit die Grundsteine für unser heutiges Verständnis der genetischen Mechanismen, die die frühe embryonale Entwicklung bestimmen. Den beiden Forschenden gelang es, Gene zu bestimmen, die in der Fruchtfliege Drosophila melanogaster die frühe Entwicklung steuern: Manche der identifizierten Gene legen etwa fest, aus welchen Zellen Rücken- und Bauchseite der Fliege wird, andere steuern die Aufteilung eines Embryos in verschiedene Körpersegmente und deren je unterschiedliche Entwicklung.
Dabei stieß der Ansatz des Forschungsteams, mit Genetik entwicklungsbiologische Fragenstellungen zu lösen, nicht sofort auf ungeteilte Begeisterung der Fachkollegen: „Wir waren echte Pioniere, und das hat man auch daran gemerkt, dass viele Leute unsere Arbeit nicht verstanden haben.“ Dennoch ermutigte die bahnbrechende Arbeit etliche andere Forschende zu weiterführenden Untersuchungen, in deren Verlauf sich schnell herausstellte, dass dieselben oder ähnliche Gene wie in der Fruchtfliege auch die Entwicklung von Wirbeltieren beeinflussen. Damit war der Weg bereitet für medizinische Anwendungen von Nüsslein-Volhards Grundlagenforschung: Heute haben ihre Erkenntnisse längst Eingang in die moderne Krebstherapie und unser Verständnis von angeborenen Fehlbildungen und Spontanaborten gefunden.  

Rückkehr in die Wiege der Biochemie

Tübingen, ihrem alten Studienort und der historischen Wiege der Biochemie, bleibt Nüsslein-Volhard zeitlebens verbunden. Dorthin kehrte sie 1981 als Forschungsgruppenleiterin am Friedrich-Miescher-Labor zurück. „Das Neue, das Besondere war, dass man selbständig war. Wir hatten eine sehr große Freiheit und keine richtigen Chefs“, erinnert sie sich.
Tatsächlich waren es die Arbeiten, die sie in Tübingen am Friedrich-Miescher-Labor und seit 1985 als Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie (heute: Max-Planck-Institut für Biologie Tübingen) verfasste, die ihr in den Achtzigerjahren schlagartig zu Berühmtheit verhalfen – lange bevor ihr früheres Heidelberger Oeuvre mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Denn Nüsslein-Volhard revolutionierte in diesen Jahren die Entwicklungsbiologie durch die Entdeckung von Morphogenen: Signalmoleküle, die durch ihre ungleichmäßige Verteilung die Entwicklung von Lebewesen steuern.

 „Ehrfurcht – das ist ja grässlich!“

Als 1995 der Anruf aus Stockholm kam, war Christiane Nüsslein-Volhard also bereits eine weltbekannte Wissenschaftlerin. Trotz aller Euphorie hatte (und hat) sie zu dieser Ehrung ein durchaus zwiespältiges Verhältnis. Zu gut war ihr noch im Gedächtnis, mit welcher Ehrerbietung sie selbst als junge Frau Nobelpreisträgern begegnet war: „Wenn die Leute jetzt vor mir in Ehrfurcht erstarren – das ist ja grässlich!“, befürchtete sie.
Seit den frühen Neunzigerjahren hat sich ihre Arbeitsgruppe der Entwicklung und Genetik des Zebrafischs Danio rerio zugewandt. Aktuell erforscht das Team vor allem die genetischen Grundlagen der Musterbildung bei diesen Fischen und nah verwandten Arten. Themen wie Muster, Farben und Schönheit von Tieren nutzt sie auch, um einer breiten Öffentlichkeit ihre Begeisterung für alles Lebendige und dessen Evolution zu vermitteln.
Mit ihrem Fischlabor hat Nüsslein-Volhard auch wesentlich dazu beigetragen, Zebrafische als Modellorganismus zu etablieren und international anerkannte Standards für ihre Haltung in Laboren zu entwickeln.
Künftig wird Nüsslein-Volhard sich jedoch auch mehr Zeit nehmen, sich ihren anderen Leidenschaften zu widmen: dem Singen, dem Kochen, ihrem Garten. Ihre Gastfreundschaft und ihre Vorliebe für gesellige Abende, bei denen sie gerne ihre vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei sich zu Hause bewirtete, dürfte ihr wohl auch in Zukunft erhalten bleiben.
Als Leiterin einer Forschungsgruppe möchte Nüsslein-Volhard in Zukunft nicht mehr auftreten. Für ihren Elan und ihre Kreativität wird sie auch nach ihrem 80ten Geburtstag sicher noch genug Schaffensfelder finden: „Was dann ist – da bin ich mal gespannt. Ich habe ja schon ein paar Bücher geschrieben; vielleicht muss ich noch eines schreiben.“